Biografie

Die bewegte und bewegende Biografie der zu Unrecht wenig bekannten Ostschweizer Künstlerin Hedwig Scherrer zeigt das Bild einer willensstarken und eigenständigen Persönlichkeit. Hedwig Scherrer (1878-1940) war eine der ersten Frauen, die ihr Künstlertum auch gegen damalige männliche Vorurteile lebte und durchsetzte. Sie war leidenschaftliche Bergsteigerin und Hochgebirgs-Skisportlerin, was damals eine Pioniertat war. Die Künstlerin schlug eine Liebesheirat und «gute Partie» zugunsten ihres kreativen Wirkens aus und setzte sich schon früh menschlich, politisch und künstlerisch für den Frieden und gegen den Krieg ein – das alles unverbissen, menschenfreundlich, manchmal humorvoll und immer mit ausserordentlicher Bescheidenheit.

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Selbstportrait, um 1910 Öl auf Leinwand
 61.2 x 49.5 cm
Zyklamen mit Bordüre, 1896 Tempera, Tusche, 58,8 x 44,2 cm Kantonsbibliothek Vadian St.Gallen

1878
geboren am 11. März in Sulgen. Eltern: Rechtsanwalt Dr. Josef Scherrer und Philippine Scherrer-Füllemann

1886
Übersiedlung nach St.Gallen. Vater wird führendes Mitglied der demokratischen Partei, Regierungsrat, später Nationalrat. Kämpft für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund

1893/94 und 1895
Sprachstudien in Pont Chailly bei Lausanne und auf der Isle of Wight

1894-95
Zeichenschule am Museum für Industrie und Gewerbe (heute Textilmuseum)
Unterricht bei Johannes Stauffacher im Pflanzenstudium und Emil Hansen (später Nolde, 1892-98 in St.Gallen tätig) im figürlichen Zeichnen

1896-99
Damenakademie des Künstlerinnenvereins in München, bis zum 1. Weltkrieg reist sie regelmässig zu Kursen und Ausstellungen nach München. Die Sommermonate verbringt sie in St.Gallen und besucht weiterhin Zeichenunterricht bei Johannes Stauffacher

1900
Studienaufenthalt in Paris. Studienreisen nach Italien, Griechenland

Ab 1900
selbständige künstlerische Tätigkeit in St.Gallen. Erste Aufträge für die Illustration von historischen Prachtbänden wie Der Kanton St. Gallen 1803–1903, Die Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert, Schweizer eigener Kraft und Die Schweizer Frau. Dazu traten Porträts für den Familien- und Bekanntenkreis

Ab 1903
Entwürfe für Bühnenbilder und Marionetten sowie 1912 den Zuschauerraum im neu gegründeten Marionettentheater ihres Verwandten Hermann Scherrer-Gehrig in St.Gallen

1904
Tod der Mutter

1906-1908
Planung und Bau ihres Atelierhauses auf dem Montlingerberg im Rheintal, wo sie künftig die Sommermonate verbringt

Sie ist Mitglied im Ski- und Alpenclub und in der Wandervogelbewegung, für die sie grafische Arbeiten entwirft. Ausgedehnte Bergwanderungen und Skitouren. Landschaftsgemälde und erste Karikaturen

1911-13
Lebenskrise, ausgelöst durch die unglückliche Liebesbeziehung zu Fritz Iklé. Reisen nach Italien und Norwegen. Briefwechsel mit der Dichterin Dora Schlatter

Ab 1912
Aufträge von der Ärztin und Pionierin in Säuglingspflege Dr. Frida Imboden-Kaiser, ihrer Jugendfreundin: Aufklärende Illustrationen für die Mütterschulung und Säuglingspflege. Wandgemälde im neu gegründeten Säuglingsspital und im Kantonsspital (nicht erhalten). Versuche für die Wandgemälde macht sie an den Wänden ihres Atelierhauses. Märchenbücher für Kinder und Erwachsene. (Text und Illustration)

1914-18
Weite Fussreisen und Wintersport im Toggenburg. Kontakt mit dem Lehrer, Musiker, Maler und Volkskundler Albert Edelmann in Dicken bei Ebnat-Kappel, dem späteren Stifter des Museums Ackerhus

Beginn der Miniaturmalerei in selbstentwickelten Techniken

1920
Album mit ironischen Selbstporträts.

Regelmässige  Aufenthalte in Gamperdond, wo der Vater eine Jagdhütte besitzt. Ausgedehnte Gebirgstouren. Zahlreiche Landschaftsgemälde und Zeichnungen.
Wandmalereien im Kantonsspital St.Gallen

Beteiligung an Ausgrabungen auf dem Montlingerberg

1924
Tod des Vaters. Dieser hatte eine Stiftung für den Lebensunterhalt seiner Tochter eingerichtet

Einsatz für die Trachtenbewegung, Trachten für das Rheintal, Rorschach, Toggenburg, St.Galler Fürstenland und Rapperswil. 1928 Entwurf Trachtenstübli an der SAFFA

1930
Mit Lithografien illustriertes Trachtenliederbuch mit Eigenkompositionen, mit Gedichten von Hermann Hesse, Maria Waser u.a.

Lesebücher für die st.gallische Volksschule und Schweizer Hilfsklassen
Wachsender Einsatz für Begabtenförderung und Notleidende

1933/35
Zwei Plakatserien für die Ausstellung Krieg oder Frieden gegen die Rüstungsindustrie und für eine menschliche Politik

1935
Versuch, den zahlreichen Verpflichtungen zu entfliehen, um wieder vermehrt künstlerisch tätig zu sein. Geheimes Atelier in St.Gallen
Wachsende gesundheitliche Probleme und psychische Belastung durch politische Entwicklung und den Verlust von Gamperdond nach dem Anschluss Österreichs 1938

Aufopfernder Einsatz für Flüchtlinge und Betreuung von Soldaten in Montlingen nach Ausbruch des Krieges 1939

1940
Hedwig Scherrer stirbt am 8. Mai in einer Zürcher Klinik

Im Testament vermacht sie das Atelierhaus und den künstlerischen Nachlass der St.Galler Künstlerschaft, damals GSMBA, heute Visarte Ost

1986
Gründung der Hedwig-Scherrer-Stiftung